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Ameise

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Bild Marianne C. Briner Lavater 09. Juni 2014

Die Grille und die Ameise

Die Grille, die den Sommer lang
zirpt’ und sang,
litt, da nun der Winter droht’,
harte Zeit und bittre Not:
Nicht das kleinste Würmchen nur,
und von Fliegen keine Spur!
Und vor Hunger weinend leise,
schlich sie zur Nachbarin Ameise,
fleht‘ sie an, in ihrer Not
ihr zu leihn ein Stückchen Brot,
bis der Sommer wiederkehre.
„Hör“,sprach sie, „auf Grillenehre,
vor der Ernte noch bezahl‘
Zins ich dir und Kapital.“
Die Ameise, die, wie manche lieben
Leute, das Verleihen haßt‘,
fragt‘ die Borgerin: „Was hast
du im Sommer denn betrieben?“
„Tag und Nacht hab‘ ich ergötzt
durch mein Singen alle Leut‘.“
„Durch dein Singen? Sehr erfreut!
Weißt du was? Dann – tanze jetzt!“

Aesop (um 550 v. Chr.),  griechischer Sklave auf Samos und Fabeldichter