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Vom Wert der Zeit – Seneca

Erster Brief
Seneca grüsst seinen Lucilius

Mach’s nur so, mein lieber Lucilius, befreie Dich für Dich selbst, und die Zeit, die man Dir bisher entweder raubte oder stahl oder die Dir unter den Händen zerrann, die sammle und bewahre! Du darfst überzeugt sein, dass es so ist, wie ich schreibe: einen Teil unserer Zeit entreisst man uns geradezu, einen anderen entwendet man uns heimlich, ein anderer geht uns selbst verloren.
Am meisten freilich müssen wir uns des Verlustes schämen, den eigene Gedankenlosigkeit verursacht. Und wenn Du nur einmal darauf achtest, wirst Du feststellen: Der grösste Teil des Lebens vergeht, während wir etwas Schlechtes tun, ein grosser Teil beim Nichtstun und das ganze Leben, während wir etwas tun, das nicht unserer Bestimmung gemäss ist.

gefraessigkeit

Allegorie der Gefrässigkeit, der Teufel schiebt den fetten Prasser im Schubkarren (Scherzgefäss, Sinnbild für eine massvolle Lebensweise), Nürnberg um 1575
Fotografie Marianne C. Briner Lavater, 5. September 2016,
Staatliche Kunstgalerie Dresden