Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Stereogranimator der New York Public Library

GIF made with the NYPL Labs Stereogranimator - view more at http://stereo.nypl.org/gallery/index
GIF made with the NYPL Labs Stereogranimator

Aus Stereoskopien werden 3D-Animated Gifs

Die New York Public Library (NYPL), hat ihr Archiv an Stereskopien und den Stereogranimators veröffentlicht. Mit dem Onlinewerkzeug kann der Nutzer die alten Stereobilder zu neuen 3D-Bildern verwandeln – als Animated Gif oder Rot-grün-Bild.

Vom Wert der Zeit – Seneca

Erster Brief
Seneca grüsst seinen Lucilius

Mach’s nur so, mein lieber Lucilius, befreie Dich für Dich selbst, und die Zeit, die man Dir bisher entweder raubte oder stahl oder die Dir unter den Händen zerrann, die sammle und bewahre! Du darfst überzeugt sein, dass es so ist, wie ich schreibe: einen Teil unserer Zeit entreisst man uns geradezu, einen anderen entwendet man uns heimlich, ein anderer geht uns selbst verloren.
Am meisten freilich müssen wir uns des Verlustes schämen, den eigene Gedankenlosigkeit verursacht. Und wenn Du nur einmal darauf achtest, wirst Du feststellen: Der grösste Teil des Lebens vergeht, während wir etwas Schlechtes tun, ein grosser Teil beim Nichtstun und das ganze Leben, während wir etwas tun, das nicht unserer Bestimmung gemäss ist.

gefraessigkeit

Allegorie der Gefrässigkeit, der Teufel schiebt den fetten Prasser im Schubkarren (Scherzgefäss, Sinnbild für eine massvolle Lebensweise), Nürnberg um 1575
Fotografie Marianne C. Briner Lavater, 5. September 2016,
Staatliche Kunstgalerie Dresden

Heinrich Heines Sehnsucht nach Sauerkraut

Weitere Leibspeisen:

Von Köllen war ich drei Viertel auf acht
Des Morgens fortgereiset;
Wir kamen nach Hagen schon gegen drei,
Da ward zu Mittag gespeiset.

Der Tisch war gedeckt. Hier fand ich ganz
Die altgermanische Küche.
Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut,
Holdselig sind deine Gerüche!

Gestovte Kastanien im grünen Kohl!
So aß ich sie einst bei der Mutter!
Ihr heimischen Stockfische, seid mir gegrüßt!
Wie schwimmt ihr klug in der Butter!

Jedwedem fühlenden Herzen bleibt
Das Vaterland ewig teuer –
Ich liebe auch recht braun geschmort
Die Bücklinge und Eier.

Wie jauchzten die Würste im spritzelnden Fett!
Die Krammetsvögel, die frommen
Gebratenen Englein mit Apfelmus,
Sie zwitscherten mir: »Willkommen!«

»Willkommen, Landsmann« – zwitscherten sie –,
»Bist lange ausgeblieben,
Hast dich mit fremdem Gevögel so lang
In der Fremde herumgetrieben!«

Es stand auf dem Tische eine Gans,
Ein stilles, gemütliches Wesen.
Sie hat vielleicht mich einst geliebt,
Als wir beide noch jung gewesen.

Sie blickte mich an so bedeutungsvoll,
So innig, so treu, so wehe!
Besaß eine schöne Seele gewiß,
Doch war das Fleisch sehr zähe.

Auch einen Schweinskopf trug man auf
In einer zinnernen Schüssel;
Noch immer schmückt man den Schweinen bei uns
Mit Lorbeerblättern den Rüssel.
Quelle: Deutschland. Ein Wintermärchen

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Paul Hoeniger: „Im Café Josty„, 1890, (via Wikimedia.Commons).
In dieser Berliner Konditorei verkehrte auch Heinrich Heine.

Im hungrigen Magen Eingang finden
nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
nur Argumente von Rinderbraten,
begleitet mit Göttinger Wurstzitaten.
Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
behaget den radikalen Rotten
viel besser als ein Mirabeau
und alle Redner seit Cicero.
Quelle: Politische Nachlese, Die Wanderratten